Nostalgie

Michael Ballack: Deutschlands richtiger Spieler der falschen Generation ein Jahrzehnt zu früh geboren

„Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer laufen 90 Minuten lang einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen“ – Gary Lineker, 1990.

Im Laufe der Zeit ist Deutschland als Fußballnation unbarmherzig gewesen. Mehrfach hat es Zeiten gegeben, in denen der Schiedsrichter das Spiel abpfiff und die Zuschauer zu Hause saßen und dachten: „Wie haben die das nur gewonnen? Es ist wahr, dass Deutschland eine Menge Glück hat.

Bei Michael Ballack war das ein bisschen anders. Er war der deutsche Mann fürs Grobe, von Udo Muras als „…der einsame Lichtblick in einer bleiernen Ära“ bezeichnet und er hatte auch nicht die schillernden Talente an seiner Seite, wie Toni Kroos oder Weltmeister Mario Götze, sondern Torsten Frings und Carsten Jancker als Mannschaftskollegen. Zufälligerweise wurden Ballack und Fußballlegende Ronaldo im selben Jahr geboren.

Welches Erbe hat Michael Ballack also hinterlassen? ist es das Erbe des größten Verlierers der deutschen Geschichte, oder das Erbe eines unbestrittenen Mittelfeld Genies? Vielleicht ein bisschen von beidem.

Mit 98 Länderspielen für Deutschland verließ Ballack das Spiel als einer der besten deutschen Mittelfeldspieler aller Zeiten und als UNAIDS-Botschafter. In seiner Karriere gewann er sowohl Bundesliga-Titel mit Bayern München als auch eine Auszeichnung in der Premier League mit Chelsea, aber für jedes Höhenflug gab es immer auch ein Hindernis, welches ihm im Weg stand.

Michael Ballack wurde am 26. September 1976 geboren. Es erweckte den Eindruck , als sei er ein Jahrzehnt zu früh geboren worden. Man stelle sich vor, wie er in der deutschen Nationalmannschaft 2014 spielte. Halte eine Sekunde inne und stelle dich vor, wie er die Lücke füllt, die Frank Lampard bei Chelsea hinterlässt. Der Druck auf Ballack war enorm, er musste für den Verein und das Land spielen, er selbst sagte es sogar:

„Ich sollte in der Abwehr den Ball sichern, im Zentrum dominieren und im letzten Drittel ein Tor erzielen.“

Das Seltsame ist, dass Ballack genau das tat und zwar sehr oft. Er hatte die Gabe, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, was merkwürdig erscheint, denn seine Karriere wurde als “ der richtige Spieler der falschen Generation“ beschrieben.

Ballack war im wahrsten Sinne des Wortes das Herzstück von Verein und Nation, besonders in den frühen 2000er Jahren. Nichts fasst seine Karriere besser zusammen als die Saison 2001/02, als Bayer Leverkusen kurz vor dem Triple stand, in der Pole Position für den ersten Bundesliga-Titel überhaupt, im DFB-Pokal-Finale und im Champions-League-Finale.

In dieser Saison schoss Ballack 23 Tore aus dem Mittelfeld heraus, aber es reichte nicht ganz. Nach fünf Punkten Vorsprung verlor Leverkusen den Titel durch Niederlagen gegen Bremen und Nürnberg, so dass Dortmund das Edelmetall holte. Am Wochenende darauf verspielte Leverkusen durch eine 2:4-Niederlage gegen Schalke die Chance auf den Pokalsieg. Ein paar Tage später – du hast es erraten – verlor Leverkusen das Champions-League-Finale, dank des Volltreffers von Zidane.

Das Pech hörte damit nicht auf, denn im Sommer verloren Deutschland und Ballack im Finale. In diesem Jahr hätten es vier Trophäen werden können, aber Ballack stand am Ende mit leeren Händen da und zu allem Überfluss wurde er von Ronaldo zum Gewinner des Ballon d’Or gekürt.

Was jedoch in den Geschichtsbüchern fehlt, ist die Tatsache, dass Ballack eine Schlüsselfigur in einer heroischen Saison für Leverkusen war, die riesige Außenseiter waren und eine deutsche Mannschaft ins Finale führten, nachdem sie vier Jahre zuvor eine miserable Leistung gezeigt hatten.

Der deutsche Journalist und Autor Raphael Honigstein betonte seine Rolle als unverzichtbares Rädchen im Gefüge der deutschen Nationalmannschaft mit den Worten: „Ballack wurde nicht nur zum wichtigsten Spieler in Völlers System, er wurde selbst zum System. Deutschland sollte in der Abwehr dicht halten, um dann durch einen Kopfball von Ballack oder einen Schuss von der Strafraumgrenze ein Tor zu schießen.“

Rudi Völler selbst war Ballack-Fan und sagte später: „Es war ein klassischer Fall, dass man Ursache und Wirkung verwechselt hat. Uns haben damals zwei, drei Ballacks mehr gefehlt.“

Ballack wechselte zu Bayern München, wo er vier Jahre verbrachte und mehrere Titel für die Bayern gewann, bevor er zu Chelsea wechselte, wo er ebenfalls Titel gewann, aber es fehlte immer noch etwas.

Bei all dem muss man sich fragen, wer daran schuld war. Es war nicht Ballacks Schuld, dass er sich vor der WM 2010 verletzte, es war nicht Ballacks Schuld, dass John Terry ausrutschte und den Elfmeter für Chelsea verschoss, es war nicht Ballacks Schuld, dass Zinedine Zidane eines der besten Tore der Champions-League-Geschichte gegen seinen Verein schoss. An einem anderen Tag, in einem anderen Leben, würde Michael Ballack als Seriensieger in die Geschichte eingehen.

„Titel werden manchmal überbewertet. Natürlich wird Lothar Matthäus immer mit der Weltmeisterschaft 1990 in Verbindung gebracht werden. Aber denkt jeder sofort daran, welche Titel Günter Netzer, Johan Cruyff oder Luís Figo gewonnen haben? Oder denke auch daran, wie diese Spieler ihren Fußball gespielt haben und wie sie ihre Mannschaften geführt haben? Ich hoffe, dass man sich an mich als besonderen Fußballer erinnern wird“ – so Michael Ballack nach seinem Rücktritt.

Michael Ballack ist für sich selbst eine Fußballlegende. Allein 11 Titel sind eine Trophäenausbeute, die den Status einer Legende verdient und obwohl es so viel mehr hätte sein können, wird Ballack für immer am Rande der Fußball-Unsterblichkeit stehen. Erinnere dich an ihn für die Trophäen die er gewonnen hat und nicht diejenigen, die er nur fast gewann.

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